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Wilhelm Röpke zählt zu den wichtigsten und meistgelesenen Vertretern des Neoliberalismus, der im und nach dem Zweiten Weltkrieg eine Erneuerung der von links und rechts durch Totalitarismus bedrohten Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung erreichen wollte. Nach dem zweiten Weltkrieg verteidigte er die Soziale Marktwirtschaft, wie Ludwig Erhard und Alfred Müller-Armack sie in Deutschland einführten, wies aber im Laufe der Zeit auch auf die Verwässerung des Konzepts durch Interessengruppe hin. Röpke wurde am 10. Oktober 1899 in Schwarmstadt am Rand der Lüneburger Heide geboren und ist in dieser ländlichen Umgebung auch aufgewachsen, was ihn bis späterhin prägte. Er begann 1917 ein Studium der Rechts- und Staatswissenschaften in Göttingen und konnte nach Kriegsdienst und Verwundung 1917-1918 sowie einem Studium der Nationalökonomie in Tübingen und Marburg schon 1921 promovieren. Röpke wurde Assistent bei seinem Doktorvater, Prof. Walter Troeltsch in Marburg, und konnte nur ein Jahr darauf, 1922, habilitieren.1924 bekam er einen Ruf als jüngster deutscher Professor an die Universität Jena. 1928 wechselte er nach Graz und nur ein Jahr später zurück nach Marburg. In der turbulenten Zeit der späten 1920er und frühen 1930er Jahre war Wilhelm Röpke nicht nur ein produktiver Gelehrter, u.a. als Gastprofessor der Rockefeller Stiftung, sondern auch aktiv in der wirtschaftspolitischen Beratung tätig, z.B. in der Brauns-Kommission zur Überwindung der Wirtschaftskrise der frühen 1930er Jahre. Seine Ablehnung des Nationalsozialismus, dem er die Vernichtung der abendländischen Kultur „zurück in den alten Urwald“ vorwarf, machte er in Flugschriften und Vorträgen deutlich. Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten wurde er zunächst beurlaubt und dann zwangsweise in den Ruhestand versetzt. Unter dem Decknamen „Ulrich Unfried“ (ein Spottname auf seinen nationalsozialistischen Widersacher Ferdinand Zimmermann alias Ferdinand Fried, der in der Zeitschrift „Die Tat“ die Marktwirtschaft zugunsten der neuen, nationalsozialistischen Ordnung schlecht redete) veröffentlichte er Schriften gegen den Nationalsozialismus in der liberalen Frankfurter Zeitung. 1934 ging Wilhelm Röpke ins Exil an die Universität Istanbul, wo verschiedene deutsche Exilanten Unterschlupf gefunden hatten, u.a. der Soziologe Alexander Rüstow, mit dem er zusammenarbeitete und der später selber einer der Väter der Sozialen Marktwirtschaft wurde. Röpke gründete und leitete das Sozialwissenschaftliche Institut der Universität Istanbul und trug so zum Aufbau des türkischen Hochschulwesens bei. 1937 veröffentlichte er sein wichtigstes Lehrbuch, „Die Lehre von der Wirtschaft“, das in mehr als ein Dutzend Sprachen übersetzt wurde. 1937 wurde Röpke als Professor für internationale Wirtschaftsfragen an das Genfer Institut universitaire de hautes études berufen, wo er bis zu seinem Tod lehrte. Im Zweiten Weltkrieg schrieb Röpke seine vielgelesene Trilogie, „Die Gesellschaftskrisis der Gegenwart“ (1942), „Civitas Humana“ (1944) und „Internationale Ordnung“ (1945). Darin entwarf er nicht nur ein Gegenbild zum Nationalsozialismus, sondern zum Totalitarismus und Kollektivismus jedweder Prägung. Das Werk gehörte zu den meistgelesenen Werken der politischen Ökonomie seiner Zeit. 1947 wurde Wilhelm Röpke einer der Mitbegründer der Mont Pèlerin Society, die sich ebenfalls dem Kampf gegen den Kollektivismus verschrieb. An der Gründung nahmen u.a. F. A. von Hayek, Karl Popper, Milton Friedman, Ludwig von Mises, Walter Eucken und Ludwig Erhard teil. Nach dem Zweiten Weltkrieg machte Röpke durch seine unermüdliche Veröffentlichungsarbeit nicht nur in Büchern, sondern auch in Zeitungen und Zeitschriften, die Idee der marktwirtschaftlichen Ordnung populär – trotz des Gegenwindes durch den Kollektivismus aus dem Osten, der auch in Westeuropa viele Anhänger fand, gerade auch bei einer bestimmten Gruppe von Ökonomen. Der Kontakt zu Ludwig Erhard, der ebenso wie Konrad Adenauer Wilhelm Röpke hoch schätzte, mündete in eine Laudatio der Wirtschaftspolitik der Sozialen Marktwirtschaft, „Ist die deutsche Wirtschaftspolitik richtig?“ (1950). Besonderes Augenmerk Wilhelm Röpkes gewann die internationale Wirtschafts-, Handels- und Währungsordnung. Als überzeugter Freihändler trat er für vollständige Meistbegünstigung und multilateralen Freihandel ein. Dem eingeschlagenen Weg der europäischen Integration, der mit „Marktordnungen“, d.h. sektoralem Kollektivismus für Kohle und Stahl begann und der diese später auf den wichtigen Agrarbereich ausdehnte, aber auch auf die Arbeitsmärkte, stand Röpke ablehnend gegenüber, obwohl er ein überzeugter Weltbürger war. Konzentration und Zentralismus sah er als Hauptsünden der Wirtschaftspolitik an, eine Überzeugung, die gerade heute auch wieder aktuell ist, im nationalen Rahmen wie im Rahmen der Europäischen Union. Röpke war stets mehr als „nur“ Nationalökonom, sein Anliegen war die Wiederherstellung der natürlichen, gegliederten Ordnung. In der Schweiz, in der er bis zu seinem Tod lebte und lehrte, sah er sie weitgehend verwirklicht. Am 12.02.1966 starb er bei Genf. Seine Schriften sind bis heute wegweisend für Fragen der nationalen und gerade internationalen Wirtschaftsordnung, etwa bei der Diskussion um die Richtung der europäischen Integration.
Zitate zur Ordnungspolitik Zur Dezentralisierung „Wenn damit der Liberale die Dezentralisation in allen Sphären zum Programm erhebt, handelt er aus einer Weisheit, die alle menschliche Erfahrung für sich hat. So wird er zum Anwalt der Trennung der Gewalten, der staatsfreien Sphären, der ‚corps intermédiaires’ (Montesquieu), der geistigen Freiheit, des Eigentums als Normalform der wirtschaftlichen Existenz der Menschen, der wirtschaftlichen und sozialen Dezentralisation, des Kleinen und Mittleren, des wirtschaftlichen und geistigen Wettbewerbs, der kleinen Staaten, der Familie, der Universalität der Kirchen, der sozialen Gliederung. So wird er zum unversöhnlichen Gegner des politischen, wirtschaftlichen und geistigen Zentralismus, des Kolossalen, der Monopole (auch derjenigen des Staates oder der Gewerkschaften), des Kollektivismus, der Mammutgebilde, der Vermassung, der Riesenstädte, der Anhäufung des Reichtums, des Imperialismus.“ Aus: Röpke, Wilhelm (1950), Mass und Mitte, S. 22-23.
Der Drang zum Kollektivismus „Unsere Zivilisation, so ist der Gedanke, hat sich deshalb so verzweifelt in fast unlösbar scheinende Probleme verstrickt und immer mehr verstrickt, weil sie mit der elementaren Aufgabe einer funktionierenden Wirtschaftsordnung einfach nicht mehr fertig wird. Und sie wird mit dieser Aufgabe nicht fertig, weil sie aus Mangel an prinzipiellem Denken nicht einmal erkennt, worum es sich eigentlich handelt. Und weil sie das nicht erkennt, wirft sie sich dem Staate in die Arme, hilflos die einen und inbrünstig die anderen. Die Verantwortung für das Wirtschaftsleben dem Staate anvertrauen heißt: Kollektivismus.“ Aus: Röpke, Wilhelm (1950), Mass und Mitte, S. 88-89.
Was ist Neo-Liberalismus? „Hier springt zunächst in die Augen die den meisten Neuformulierungen des Liberalismus gemeinsame Tendenz, zwei Dinge miteinander zu vereinen: das Vertrauen auf die Freiheit der Märkte und die Einsicht, dass diese Freiheit einer umfassenden Politik bedarf, die das Feld der wirtschaftlichen Freiheit wie ein Spielfeld streng absteckt, ihre Bedingungen – sozusagen die Spielregeln – sorgfältig bestimmt und mit unparteiischer Strenge für die Respektierung dieses Rahmens der Marktwirtschaft (des Spielfeldes wie der Spielregeln) sorgt. Freiheit und Bindung werden derart zu einer Synthese verbunden, dass man den sozialen Ort zu bestimmen sucht, der für das eine und für das andere Prinzip gilt.“ Aus: Röpke, Wilhelm (1950), Mass und Mitte, S. 142.
Wider die Konzentration „Es handelt sich ja nicht bloß um das Problem der Freiheit, sondern zugleich um das der Ordnung, der echten Gemeinschaft, der Standfestigkeit der Einzelexistenz, der Rückkehr zum Maßvollen, Proportionierten, Naturgemäßen. Wir wissen, dass man alle diese Probleme aus einem großen Kernübel unserer Zeit ableiten kann: der Konzentration. Aber auch das ist uns nun geläufig, dass Probleme, die aus der Konzentration entstehen, nicht, wie die Kollektivisten sonderbarerweise meinen, dadurch gelöst werden, dass man die Konzentration auf die Spitze treibt, worauf ja in der Tat das kollektivistische Programm hinausläuft. Konzentration wird allein durch Dezentralisierung überwunden, politische, geistige, soziale, wirtschaftliche.“ Aus: Röpke, Wilhelm (1950), Mass und Mitte, S. 157.
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