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Theoretische Fundierung Ein Kernproblem der Wirtschaftspolitik ist die Frage, inwieweit der Staat direkt oder indirekt in den Wirtschaftskreislauf eingreifen kann und soll. Entscheidend für die Beantwortung dieser Frage ist die Fähigkeit des Staates bzw. von Wissenschaftlern, die Wirkungszusammenhänge für die Wirtschaft, ein komplexes System aus Millionen Akteuren, zu erkennen.
Komplexität Grundsätzlich sind alle gesellschaftlichen Probleme – somit auch Fragen der Wirtschaftspolitik – durch das Problem der Komplexität gekennzeichnet. Probleme mit einer komplexen Variablenstruktur sind nicht kalkulatorischer, sondern grundsätzlicher Art. So bezeichnet Komplexität die Eigenschaft eines Systems, die Variablenstruktur endogen zu wandeln. Es handelt sich dann um ein dynamisches System, das z.B. plötzlich und für unbegrenzte Zeit von einem Zustand zum nächsten übergehen kann. Gekennzeichnet werden endogene Änderungen in dynamischen Systemen häufig durch „Nicht-Linearität“. Das bedeutet, dass kleine Veränderungen der Anfangsbedingungen große Effekte verursachen können. Trotz einer eindeutigen, deterministischen Beschreibung der Bewegungsgleichungen und selbst bei einer präzisen numerischen Spezifizierung der Parameter ist es nicht möglich, die Entwicklung eines Systems länger als sehr kurzfristig zu prognostizieren. Das bedeutet keinesfalls Regellosigkeit, sondern ist ein spezielles Verhalten, das innerhalb eines beschreibbaren Regelsystems zu nicht vorhersagbaren Ergebnissen führt. Deshalb wird beim Vorliegen von Nicht-Linearität auch von einem „deterministischen Chaos“ gesprochen. Nicht-Linearität ist in ökonomischen Systemen grundsätzlich immer vorhanden. Empirische Zeitreihen ökonomischer Daten weisen nicht die Regularitäten auf, welche für die traditionellen Modelle der dynamischen Wirtschaftstheorie typisch sind. Stattdessen ist häufig ein hoher Grad an Irregularität zu beobachten (z.B. Konjunkturzyklen), so dass sich - abgesehen von groben Grundmustern - kein Ausschnitt einer bestimmten Zeitreihe wiederholt. Deterministisches Chaos und Nicht-Linearität
Als Beispiel kann eine logistische Funktion der Form xt+1 = r(xt – xt2) gewählt werden. Bei einem Wert von x = 0,4 und r = 2 verläuft diese Funktion nicht chaotisch. Wird allerdings r = 4 gewählt und dieser Wert minimal (um 0,001) variiert, ergibt sich ein chaotisches, nicht-lineares Verhalten.
Ein Modell des komplexen ökonomischen Systems muss deshalb neben einer großen Anzahl von Variablen auch deren permanenten und unvorhersagbaren Wandel sowie den Wandel ihrer Beziehungsstrukturen zulassen. Die Mehrzahl aller volkswirtschaftlichen Theorien – insbesondere neoklassischer Herkunft – sind somit von den Ergebnissen der Chaosforschung betroffen, denn ihnen liegt ein deterministisches Weltbild zugrunde. Die Indeterminiertheit zukünftiger Entwicklungen in ökonomischen Systemen erfordert aber einen notwendigen Bruch mit den traditionellen Überzeugungen, dass eindeutige Bewegungsgesetze auch zu eindeutigen Ergebnissen führen müssten. Der empirische Nachweis chaotischer Bewegung in ökonomischen Zeitreihen macht zudem deutlich, dass die bestehenden meist linear angelegten Modelle keine zufrieden stellende Beschreibung der Wirklichkeit gestatten.
Quellen / Literatur: Gäfgen, G. - Komplexität und wirtschaftspolitisches Handeln: Anmerkungen zur Krise der theoretischen Wirtschaftspolitik, in: Rolf Kappel (Hrsg.): Im Spannungsfeld von Wirtschaft, Technik und Politik - Festschrift für Bruno Fritsch, München 1986, S. 435-452. Hayek, Friedrich August von - Die Theorie komplexer Phänomene, in: Die Anmaßung von Wissen. Neue Freiburger Studien, Tübingen 1996, S. 281 - 306. Wrobel, Ralph Michael - Die Bedeutung der Komplexität ökonomischer Strukturen für die Wahl wirtschaftspolitischer Strategien, in: Zeitschrift für Wirtschaftspolitik, 2001/2, S. 217 – 249.
Konstitutioneller Wissensmangel Aus der Komplexität ökonomischer Systeme resultiert die Frage, von welchem Wissen der Akteure in einem ökonomischen Modell und von welchen eigenen Wissensmöglichkeiten des Wissenschaftlers ausgegangen werden kann. Legt man das neoklassische Modell der vollkommenen Konkurrenz zugrunde, wird das Wissen bezüglich realtypischer Markthandlungen mit einem Idealtypus verglichen. Dieser besteht aus einer kostenfreien, vollkommenen Information sowohl der Marktteilnehmer als auch des Beobachters. Auch in komplizierteren Modellen bleibt die Position eines umfassend informierten Beobachters bestehen. Eine solch paradoxe Sichtweise der Wissensverteilung kann kaum Basis einer brauchbaren ökonomischen Theorie sein, noch weniger Basis praktischer Wirtschaftspolitik. Die Komplexität ökonomischer und anderer gesellschaftlicher Systeme macht hingegen eine subjektive Sichtweise des Wissensproblems notwendig. Subjektivismus meint, die verfügbaren Marktinformationen als interpretationsbedürftig zu betrachten. Informationen müssen erst durch eine subjektive - eventuell sogar kreative - Erkenntnisleistung verarbeitet werden. Da ein Beobachter zudem niemals in der Lage ist, alle Interpretationen einer Situation durch die beteiligten Akteure zu kennen, kann er aus einer allen Akteuren zugänglichen Information noch weniger Handlungsmöglichkeiten erschließen als diese. Berücksichtigt man zudem die Nicht-Vorhersehbarkeit von Innovationen, die Veränderung von Präferenzen sowie das Problem des Güterraumwandels, ist verständlich, warum auch die Beobachterposition unter einen Wissensvorbehalt zu stellen ist. Friedrich August von Hayek hat bereits früh die Notwendigkeit einer deutlichen Trennung zwischen der Akteurs- und der Beobachterebene erkannt. Seiner Auffassung nach kann die Gesamtheit von Informationen in einer Gesellschaft niemals einem Einzelnen gegeben sein. Die Kenntnisse in einer Gesellschaft sind immer nur zerstreute Stücke unvollkommener und widersprüchlicher Kenntnisse, die niemals zusammen gefasst werden können. „Die Summe des Wissens aller Einzelnen existiert nirgends als integriertes Ganzes.“ (Hayek) Wird hingegen bei der Erörterung gesellschaftlicher Probleme vollkommenes Wissen der Akteure unterstellt, handelt es sich nur um logische Vorübungen. Diese führen aber zu keiner Erklärung der realen Welt. Das Wissen der Menschheit ist von Vollkommenheit weit entfernt. Die Bewältigung des Wissensmangels der Akteure geschieht durch den „Wettbewerb als Entdeckungsverfahren“ (Hayek). Ein solches Modell erlaubt eine Beobachterposition einzunehmen, ohne eine vollkommene Information des Beobachters über das Ziel eines Marktprozesses vorauszusetzen.
Quellen / Literatur: Hayek, Friedrich August von - Individualismus und wirtschaftliche Ordnung, Zürich 1952. Hayek, Friedrich August von - Die verhängnisvolle Anmaßung: Die Irrtümer des Sozialismus, Tübingen 1996. Wrobel, Ralph Michael - Die Bedeutung der Komplexität ökonomischer Strukturen für die Wahl wirtschaftspolitischer Strategien, in: Zeitschrift für Wirtschaftspolitik, 2001/2, S. 217 – 249.
Mustererkennung und Ordnungsrahmen Grundlegender Betrachtungsgegenstand bei komplexen Phänomenen sind sich wiederholende Muster, also eine sich wiederholende Ordnung in den Geschehnissen. Eine Theorie komplexer Phänomene definiert dann immer nur eine Art oder Klasse von Mustern, wobei die individuelle Ausprägung des Musters von den individuellen Umständen, d.h. den Anfangs- oder Randbedingungen abhängt. Im Gegensatz dazu stehen die Theorien einfacher Phänomene, z.B. in der Physik, wo ein exakt beschreibbares individuelles Ereignis vorausgesagt werden soll. Die Aussage, dass unter bestimmten Umständen das Muster einer bestimmten Art erscheinen wird, im Gegensatz zur Voraussage über das Auftreten eines individuellen Erscheinungsfalles aus dieser Art, ist aber sowohl in der Naturwissenschaft als auch in der Gesellschaftswissenschaft bekannt. Das Problem stellt sich demnach grundlegend wie folgt dar: Wie können erfahrungswissenschaftliche Theorien, Erklärungen und Voraussagen über Ereignisse im Rahmen komplexer Phänomene entwickelt werden, die zum einen nicht auf die Kenntnis von Fakten angewiesen sind, die dem beobachtenden Ökonomen sowie dem Wirtschaftspolitiker grundsätzlich nicht zur Verfügung stehen, andererseits aber die wesentlichen kausalen Beziehungen mitberücksichtigen. Diese Überlegungen beruhen auf folgendem Grundgedanken: Bei komplexen Phänomenen kann nach abstrakten Zügen gesucht werden, die insoweit invariant sind, dass sie nicht von einer vollen Spezifizierung aller relevanter Faktoren abhängen, sondern nur von weiter gefassten, abstrakten Merkmalen der entscheidenden Faktoren. Eine Theorie sollte deshalb nicht auf eine Erklärung oder Voraussage ausgerichtet werden, die so spezifisch oder konkret ist, dass für sie ein unerreichbares Maß an Wissen über singuläre Umstände notwendig wäre. Stattdessen sollte eine Theorie im Rahmen komplexer Phänomene weniger spezifische Aussagen machen, um auch ohne dieses unerreichbare Wissen auszukommen. Solche Erklärungen oder Voraussagen nennt man auch „Erklärungen des Prinzips“ bzw. „Mustervoraussagen“ (Hayek). Die Voraussage, dass unter genau umrissenen Umständen das Muster einer bestimmten Art erscheint, ist zudem eine falsifizierbare und empirische Aussage im Sinne Poppers. Demnach ist also auch eine Theorie, die nur Mustervoraussagen erlaubt, aber keine individuellen Ereignisse prognostizieren kann, wissenschaftlich von Bedeutung. Natürlich ist ihr empirischer Gehalt geringer, weil sie lediglich erlaubt, bestimmte allgemeine Entwicklungen einer Situation vorherzusagen oder zu erklären, die mit einer Vielzahl individueller Ausprägungen des jeweiligen Musters vereinbar sind. Der geringere Grad der Falsifizierbarkeit ist aber ein notwendiger Preis, der bezahlt werden muss, wenn man in den Bereich komplexer Phänomene eindringen will. Hayek macht deutlich, dass die Voraussagen über die Herausbildung einer allgemeinen Musterart auf sehr allgemeinen Annahmen beruhen, die den Bereich der Variablen, nicht jedoch ihre konkreten Werte determinieren. Die Voraussage einer bestimmten Art von Muster ist jedoch nicht von der Kenntnis spezieller Umstände abhängig, die bekannt sein müssten, wenn man z.B. Preise und Mengen bestimmter Güter vorhersagen sollte. Die Voraussage eines Musters ist trotzdem überprüfbar und nützlich. Wenn eine Theorie vorliegt, welche die allgemeinen Bedingungen beschreibt, unter denen sich ein bestimmtes Muster bildet, können diese Bedingungen geschaffen werden. Außerdem ist es dann möglich zu beobachten, ob ein Muster der vorausgesagten Art auftritt. In der Wirtschaftspolitik können Erklärungen des Prinzips und Mustervorhersagen einen erheblich höheren Wert haben, als die exakten mathematisch-logischen Modelle der neoklassischen Analyse. Beispielsweise ist die Transformation eines zentral verwalteten Wirtschaftssystems in eine Marktwirtschaft möglich, indem lediglich im Bereich der Ordnungspolitik ein Rahmen für das marktwirtschaftliche Muster geschaffen wird. Wie dieses marktwirtschaftliche System allerdings konkret aussehen wird, ist offen und kann nicht prognostiziert werden. Hayek beschreibt diesen Zusammenhang in einem sehr plastischen Vergleich aus der Mineralogie: „Wir können nie durch bewußte Anordnung der einzelnen Moleküle einen Kristall aufbauen. Aber wir können die Voraussetzungen schaffen, unter denen sich der Kristall bilden wird. Wir machen zu diesem Zweck Gebrauch von uns bekannten Kräften, aber wir können nicht die Lage eines einzelnen Moleküls im Kristall oder auch nur die Größe und Lage verschiedener Kristalle vorausbestimmen.“ Genau dasselbe gilt auch für die Wirtschaftspolitik. Die wirtschaftspolitischen Gestalter müssen sich von der Vorstellung befreien, durch bewusste Gestaltung konkrete Ergebnisse herbeiführen zu können. In einer komplexen Gesellschaft ist eine direkte, auf dem Prinzip Regulierung basierende, Wirtschaftspolitik kaum möglich, ebenso wie konkrete Ausprägungen von Mustern kaum prognostizierbar sind. Durch eine indirekte wirtschaftspolitische Steuerung - Ordnungspolitik - kann jedoch zur Etablierung bestimmter wirtschaftspolitischer Muster beigetragen werden.
Quellen / Literatur: Graf, H.-G. – „Muster-Voraussagen“ und „Erklärungen des Prinzips“ bei F.A. von Hayek, Tübingen 1978. Hayek, Friedrich August von - Die Theorie komplexer Phänomene, in: Die Anmaßung von Wissen. Neue Freiburger Studien, Tübingen 1996, S. 281 - 306. Wrobel, Ralph Michael - Die Bedeutung der Komplexität ökonomischer Strukturen für die Wahl wirtschaftspolitischer Strategien, in: Zeitschrift für Wirtschaftspolitik, 2001/2, S. 217 – 249.
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