Physiokraten und schottische Moralphilosophen

Zu einer vollen Rehabilitation der spontanen Ordnung nach dem Mittelalter kam es unter den französischen Physiokraten (Physiokratie = Naturherrschaft), welche im 18. Jahrhundert anstelle des antiquierten Feudalsystems und des Merkantilismus eine natürliche Ordnung der Wirtschaft („ordre naturel“) forderten. Prinzipien dieser vom Franzosen Francois Quesnay begründeten Bewegung waren insbesondere das freie Eigentum an Grund und Boden sowie die Freiheit des Handels unter Konkurrenzbedingungen. Quesnay betonte dabei bereits die Interdependenz von Wirtschaft, Gesellschaft und Politik.

Da Quesnay wesentliche Gedanken seiner Lehre aus dem damals bei der europäischen Oberschicht populären China importierte, wurde er auch der „französische Konfuzius“ genannt. Insbesondere die konfuzianische Idee der evolutionär entstandenen Sitte, welche sich in einen langen Ausleseprozess durchgesetzt hat und daher zentral und durch Macht gesetzten Regeln überlegen ist, wurde von ihm in den europäischen Liberalismus miteinbezogen.

Francois Quesnay          Adam Smith

Francois Quesnay                                                   Adam Smith

In Reaktion auf den cartesianischen Rationalismus entwickelten die schottischen Moralphilosophen des 18. Jahrhunderts (insbesondere David Hume, Adam Smith und Adam Ferguson) dann auf Basis der Theorien des „common law“ sowie des Naturrechts eine völlig neue Sozialtheorie. Sie machten deutlich, dass durch einen ständigen Prozess von Versuch und Irrtum in Verbindung mit zunehmender Arbeitsteilung ein komplexes, nicht geplantes Netz gegenseitigen Nutzens entsteht, in dem der Staat nur die vorgefundenen Regeln durchsetzen muss. Regeln entwickeln sich demnach aus den Handlungen der Individuen und verfestigen sich zu dauerhaften sozialen Institutionen, wenn sie die Probleme der Menschen erfolgreich zu lösen helfen. Die Marktwirtschaft beruht somit auf Regeln der Gerechtigkeit, die sich in einem langen evolutorischen Prozess ergeben haben.

Eigennutz und Gemeinnutz müssen also keine Gegensätze sein. Adam Smith führt beispielsweise aus: „Indem das Individuum sein eigenes Interesse verfolgt, fördert es oft das der Gesellschaft viel wirksamer, als wenn es wirklich das letztere zu befördern beabsichtigt. Und indem es diesen Gewerbefleiß in einer solchen Weise leitet, dass sein Erzeugnis den höchsten Wert erhalte, beabsichtigt es nur seinen eigenen Gewinn, und es wird in diesen wie auch vielen anderen Fällen, von einer unsichtbaren Hand gelenkt, ein Ziel zu befördern, das keinen Teil seiner Absicht ausmacht.“ (Vgl. Adam Smith – Wealth of Nations)

Entgegen allgemeiner Vorstellungen tritt Adam Smith jedoch nicht für eine staatsfreie Wirtschaftsordnung ein. Ungefähr zwei Fünftel seines ökonomischen Hauptwerkes über den „Wohlstand der Nationen“ beschäftigt er sich mit der Frage, welche Aufgaben der Staat in einem freien Gemeinwesen zu erfüllen hat. Der Katalog reicht von der Bereitstellung von Infrastruktur, über das Geld- und Münzwesen bis hin zur Bildung oder dem Gesundheitswesen. Man kann demnach sagen, dass die von ihm entworfene Wirtschaftsordnung dual ist, nämlich eine Ordnung von Markt und Staat. Damit ist Adam Smith kein Vertreter des „Laissez-faire“, sondern eher Begründer des Ordoliberalismus. Die Wirtschaftsethik bei Smith ist so auch eindeutig: Gut ist jede Regelung zur Förderung der sozialen Wohlfahrt, welche unter Rahmenbedingungen zustande kommt, die es den betroffenen Individuen erlaubt, frei zwischen unterschiedlichen Alternativen zu wählen. Dies kann man als ein frühes Plädoyer für eine konsequente Ordnungspolitik verstehen.

Adam Ferguson – Civil Society          Adam Smith – Wealth of Nations

Adam Ferguson – Civil Society                                                Adam Smith – Wealth of Nations           

Obwohl die schottischen Moralphilosophen Staatstätigkeit befürworten, lehnen sie interventionistische Eingriffe in das Wirtschaftsgeschehen jedoch eindeutig ab. Beispielsweise vergleicht Adam Ferguson solche Politiker, welche in den Marktprozess konstruktivistisch eingreifen, mit einer „Fliege auf dem Rade, die sich einbildet, sie sei es, die das Rad bewegt“. Im Gegenteil – so Ferguson – sei eine freie menschliche Gesellschaft mit einem gewachsenen Korallenstock vergleichbar. Die Koordination erfolge hier über abstrakte Regeln, Preise und arbeitsteiligen Tausch. Es war auch Ferguson, der erstmalig von den Regeln einer Gesellschaft sprach, welche „aus menschlichem Handeln, aber nicht menschlichem Entwurf entstanden“ (vgl. Adam Ferguson – History of Civil Society). Dieser Begriff wurde im 20. Jahrhundert wieder von Friedrich August von Hayek aufgegriffen, der einen seiner berühmtesten Aufsätze nach diesem Zitat benannte.

 

Quellen / Literatur:

Ferguson, Adam - Versuch über die Geschichte der bürgerlichen Gesellschaft (An essay on the history of civil society, London 1767), Frankfurt am Main 1988.

Hayek, Friedrich August von - Die Ergebnisse menschlichen Handelns, aber nicht mensch­lichen Entwurfs, in: ders., Freiburger Studien, Tübingen 1969, S. 97-107.

Smith, Adam - Der Wohlstand der Nationen: eine Untersuchung seiner Natur und seiner Ursachen (An inquiry into the nature and causes of the wealth of nations), München 1974.